Wie zwölf Schülerinnen des Andreanums mit Pythagoras, Zirkel und vier Kleinflugzeugen einen Piratenschatz hoben – ein Bericht aus der MINT AG, mit
Piraten, einem Fahrrad-Krimi und einem sehr standhaften Laternenmast.
Was macht man, wenn Piraten das Spielzeug der Borkumer Seehund-Babys stehlen und irgendwo auf der Insel verstecken? Man nimmt zwölf aufgeweckte Mädchen der Klassen 5 und 6, ein halbes Schuljahr Physik, Mathematik und Technik, vier Kleinflugzeuge und einen geheimen Verbündeten vor Ort – und dann rechnet man den Piraten das Handwerk vor. Willkommen beim MINT-Kurs „Sky Girls: Der Flug zur Insel der Seehunde“, der auch in diesem Jahr wieder am Andreanum stattfand. Achtzehn Wochen Vorbereitung – oder: Wozu braucht man eigentlich Pythagoras?
Die Antwort auf diese in Klassenzimmern gern gestellte Frage lautet im Sky-Girls-Kurs: um einen Piratenschatz zu finden. Denn wer ein von Piraten verlegtes Versteck aufspüren will, muss Satellitentechnik und Positionsberechnung verstehen, mit Winkeln und Strecken auf echten Luftfahrtkarten navigieren können und wissen, warum ein Flugzeug überhaupt oben bleibt – der Herr Bernoulli lässt grüßen. Dazu kamen Antriebstechnik, das Bohrsche Atommodell, die Frage, was beim Verbrennen von Flugzeugbenzin mit dem CO2 passiert, und ein Blick auf die Technologien von morgen: Elektroantriebe, Brennstoffzellen, eFuels. Wer glaubt, das sei viel Stoff für die Klassen 5 und 6, hat recht. Wer glaubt, das sei zu viel, kennt die Sky Girls nicht.
Ein Schulhalbjahr lang arbeiteten sich die zwölf Teilnehmerinnen durch dieses Programm – im regulären Unterricht am Andreanum, und zusätzlich an mehreren Samstagen direkt am Flugplatz Hildesheim als außerschulischer Lernort. Der Aeroclub Hildesheim stellte dafür seinen Schulungsraum kostenfrei zur Verfügung, was einen unschätzbaren Vorteil hatte: Die Flugzeuge standen direkt vor der Tür. So wurden die Maschinen schon lange vor dem großen Tag „in Besitz genommen“, Instrumente erklärt, Vorflugkontrollen geübt, Flugstrecken geplant und Tankmengen berechnet. Für ausreichend Hirnschmalz-Energie in Form von Kuchen und Getränken war selbstverständlich gesorgt – Denken verbrennt schließlich auch Treibstoff.
Der große Tag beginnt
Am Flugtag standen bereits um 9 Uhr zwei besondere Gäste auf der Terrasse des Aeroclubs: Frau Dr. Sabine Schreiner von der Bürgerstiftung Hildesheim, die einen Großteil des Kurses gesponsert hat, und ihr Kollege Frank Wuttke ließen es sich nicht nehmen, die Mädchen persönlich zu begrüßen und zu verabschieden. Sponsoren, die sehen wollen, was mit ihrer Unterstützung abhebt – im wahrsten Sinne des Wortes. Während die Eltern von der „Boden-Crew“ – Peter Balder und Klemens Wirries – in Empfang genommen und betreut wurden (eine bewährte Arbeitsteilung: Die Kinder kümmern sich um die Flugzeuge, die Profis kümmern sich um die Nerven der Eltern), gehörten die Maschinen den Mädchen. Gemeinsam mit ihren langjährig erfahrenen Piloten – Andreas Praus, Michael Ruhsert, Bernd Specht und dem AG-Leiter – wurden die Flugzeuge durchgecheckt, die Instrumente geprüft und die Checklisten abgearbeitet. Alle Beteiligten wirkten übrigens, wie auch bei allen vorherigen Kursen, komplett ehrenamtlich mit. Pünktlich um 9:30 Uhr stieg die erste Maschine in den strahlend blauen Himmel, gefolgt von der übrigen kleinen Flotte. Kurs: Nordwest. Ziel: Borkum, die Insel der Seehunde.
Das Fahrrad-Drama, oder: Wie Herr Müller die Expedition rettete
Was die Mädchen nicht ahnten: Hinter den Kulissen hatte sich in den Wochen zuvor ein Drama abgespielt, das jedem Inselkrimi zur Ehre gereicht hätte. Seit Jahren liefert Herr Müller vom „Zweiradladen Borkum“ zuverlässig passende Fahrräder für die Mädchen und ihre Piloten zu Sonderkonditionen direkt an den Borkumer Flugplatz – ein herrlich unkomplizierter Service. Doch bei einem privaten Flug vor dem großen Tag machte der AG-Leiter eine Schreckensentdeckung: keine Fahrräder mehr am Platz! Die Geschäftsleitung des Flugplatzes hatte den beliebten Lieferservice kurzerhand untersagt. Die Lage war ernst. In den rund sechs Stunden Inselzeit wäre das Programm zu Fuß nicht zu schaffen gewesen; die Alternative hätte aus vier Taxen bestanden – und aus zwölf Mädchen, denen man den schönsten Teil des Abenteuers gestrichen hätte. Es folgte ein Telefonat mit Herrn Müller. Herr Müller ist ein imposanter, großer, kräftiger und wortgewandter Mann mit erkennbarer Durchsetzungskompetenz. Er versprach, sich bei der Geschäftsführung „noch einmal nachdrücklich“ für die Lieferung einzusetzen. Was genau bei diesem Gespräch besprochen wurde, ist nicht überliefert. Bekannt ist nur das Ergebnis. Landung, Triangulation – und ein Laternenmast Denn als die vier Maschinen nach rund einer Stunde Flug nacheinander auf Borkum aufsetzten und die Teams sich lautstark ihre ersten Flugerlebnisse um die Ohren erzählten, standen sie da: sechzehn blitzblanke Fahrräder, geliefert wie eh und je. Zwei hilfsbereite Mitarbeiter von Herrn Müller passten unkompliziert die Sattelhöhen an, während zwölf junge Damen begeistert ihre Dienstfahrzeuge in Empfang nahmen. Inzwischen waren auch die neuen Koordinaten des Verstecks durchgegeben worden – unser Verbündeter vor Ort, Frieder Grävemeyer, Borkumer Urgestein und ehemaliger Andreaner, hatte geliefert. Also: Karten auf die Tische, Taschenrechner raus, Zirkel angesetzt, trianguliert. Das Ergebnis war eindeutig: der Ententeich an der Ostfriesenstraße! Unter aufgeregten Rufen schwangen sich die zwölf auf die Räder und strampelten los. Die Aufregung war allerdings so groß, dass eine junge Dame – noch ganz beseelt vom Flug und mitten im hochwichtigen Austausch mit ihrer Nebenfahrerin – einen Borkumer Laternenmast übersah. Frontal. Der Mast blieb standhaft, wie es sich für sturmerprobte Borkumer Infrastruktur gehört, und außer einem gehörigen Schreck ist zum Glück nichts passiert. Merke: Die Laternen auf dieser Insel stehen dort, wo sie immer standen – auch wenn man gerade wirklich Wichtigeres zu besprechen hat. Am Ententeich übernimmt unser Verbündeter: Frieder Grävemeyer berichtet Die Anreise der zwölf Sky Girls in vier Kleinflugzeugen nach Borkum war für sich genommen schon ein Highlight. Alles war perfekt organisiert, die Fahrräder standen am Flugplatz parat, und das Wetter hätte man beim besten Willen nicht besser bestellen können. Nach erfolgreicher Triangulation der von mir verratenen GPS-Koordinaten trafen die Sky Girls um 12:30 Uhr am geplanten Zielort ein: dem Ententeich an der Borkumer Ostfriesenstraße, um dort den versteckten Piratenschatz zu heben. Nach kurzer Begrüßung, bei der ich mich noch einmal namentlich vorstellte, baute sich eine junge Dame vor mir auf und blickte keck zu mir hoch: „Ich heiße auch Frieda!“ Damit war die Namensfrage geklärt und das Eis ruckzuck gebrochen. Der Piratenschatz allerdings gab sich nicht kampflos geschlagen – erst nach einigem Suchen im Buschwerk war er im Besitz der munteren Truppe. Sofort ging es weiter zum Badefeld kurz vor der ehemaligen Schiffsbegrüßungsstation: Es wurde gebadet, es wurden Muscheln gesucht, es war ein herrliches Strandtreiben. Die Zeit war knapp bemessen, und nur mit einigem Einsatz erreichten wir noch halbwegs planmäßig das Strandrestaurant „Rias Beach“ am Nordstrand zum Imbiss mit Fingerfood. Denn danach stand eine sehr schöne Führung mit Gertrud Akkermann durch das Heimatmuseum auf dem Plan. Gertrud hatte das auch die letzten Jahre bestens gemeistert und führte die Mädchen anhand der Artefakte durch die Geschichte der Insel, wobei die jungen Damen hochmotiviert und begeistert ihren Ausführungen folgten, und Gertrud bis zum Schluss mit Fragen bombardierten, sodass die Führung letztendlich rund 90 Minuten dauerte. Dann stand auch schon der Rückflug an. In der Einkaufsmeile rund um den Bahnhof wurden noch schnell Souvenirs geshoppt, Lino und seine Frau versorgten im Eiscafe Viavai trotz gelegentlicher Entscheidungsschwäche der Mädchen ob der großen Auswahl alle geduldig mit leckerem Eis, dann warteten bereits die Piloten am Flugplatz auf ihre Copilotinnen und Passagierinnen. Schweren Herzens habe ich mich von den Sky Girls verabschiedet – und freue
ich schon jetzt auf das nächste Mal!
Auf Wiedersehen, Insel der Seehunde
Nahezu gleichzeitig erwachten vier Motoren zum Leben, der Tower gab die Startrichtung vor, vier Propeller drehten ihre Nasen in den Borkumer Seewind, und vier Maschinen hoben ab Richtung Festland – an Bord zwölf müde, glückliche und um etliche Erfahrungen reichere Sky Girls samt gehobenem Piratenschatz, die in Hildesheim bereits von ihren dezent aufgeregten Eltern erwartet wurden. Ein solches Abenteuer ist nur möglich, weil viele Menschen es möglich machen.
Unser größter Dank gilt der Bürgerstiftung Hildesheim, die einen Großteil des Kurses gesponsert und damit sichergestellt hat, dass die Teilnahme nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängt – und die mit Frau Dr. Sabine Schreiner und Frank Wuttke am Flugtag sogar persönlich am Flugplatz stand.Ebenso herzlich danken wir dem Altpetrikontor Hildesheim, vertreten durch Herrn Dr. Markus Böger, für die finanzielle Unterstützung. Gedankt sei außerdem den Piloten Andreas Praus, Michael Ruhsert und Bernd Specht sowie der Boden-Crew Peter Balder und Klemens Wirries, die allesamt ehrenamtlich viele Stunden Vorbereitung, Geduld und Können eingebracht haben; dem Aeroclub Hildesheim für die kostenfreie Bereitstellung seines Schulungsraums; dem Andreanum für die Anerkennung und Unterstützung des Kurses; und auf Borkum meinem lieben Schulfreund Frieder Grävemeyer, der das Spielzeug besorgt und die Koordination vor Ort übernimmt, Gertrud Akkermann und natürlich Herrn Müller nebst Team vom Zweiradladen, ohne den dieser Bericht deutlich kürzer und deutlich weniger spannend ausgefallen wäre. Das Wichtigste aber waren, sind und bleiben die Schülerinnen selbst: zwölf junge Damen, die in einem halben Jahr bewiesen haben, dass Triangulation, Strömungslehre und Antriebstechnik keine Frage des Alters sind – und schon gar keine Frage des Geschlechts. In zwei Jahren startet der nächste Kurs. Die Piraten können sich schon mal warm anziehen.